Als Veganerin habe ich schon häufig folgende Sätze gehört:
„Du isst keinen Käse? Darauf könnte ich ja nicht verzichten!“, oder „Nee, also ohne Käse geht gar nicht! Ich bin Käse süchtig!“
Das sind Aussagen, die ich schon zu Omnizeiten nicht wirklich nachvollziehen konnte. Ja, es gab durchaus Käsesorten, die mir wirklich gut geschmeckt haben und die ich auch gerne ohne Brot gegessen habe. Aber ich hätte mich nie als süchtig bezeichnet, obwohl ich Käse teilweise ein bisschen vermisst habe, als ich mich dazu entschied, vegan zu werden.
Vor nicht allzu langer Zeit, bin ich in einem Buch darauf gestoßen, dass Kuhmilch und deren Produkte, allen voran Käse, süchtig machen können.
Was genau ist allerdings an dieser Aussage dran?
Erstmal Clickbaiting

Wenn man in der Suchmaschine eingibt „Macht Käse süchtig?“ erscheinen sofort reißerische Überschriften.
„Käse – Das neue Kokain!“, „Kuhmilch macht genauso süchtig wie Heroin.“ und so weiter.
Natürlich stammen die meisten dieser Artikel aus einem Verlagshaus, welches unter Anderem eine Zeitung mit vielen Bildern und sehr großen Buchstaben herausgibt. Also erst mal nicht sehr vertrauenswürdig und eher Clickbaiting, als echte wissenschaftliche Artikel.
Dann finde ich aber doch Artikel, in denen sich mit dem Thema auseinander gesetzt wurde.
Kuhmilch, sowie auch menschliche Muttermilch enthält sehr geringe Mengen an Morphinen. Außerdem enthält Kuhmilch große Mengen Kasein. Das ist ein Protein, welches bei der Verdauung und der Käseherstellung zu Casomorphinen abgebaut wird.
Was sind Casomorphine?

Gucken wir doch mal etwas genauer auf das anscheinend süchtigmachende Casomorphin.
Casomorphine sind Opipeptide, also morphinähnliche Eiweiße, die an die passenden Opiodrezeptoren im Gehirn andocken können. An den selben Rezeptoren dockt auch Heroin an. Theoretisch wirkt Casomorphin also ähnlich wie Heroin.
In menschlicher Muttermilch ist der Inhalt von Casomorphin ziemlich praktisch, da es das Baby beruhigt, zum trinken animiert und möglicherweise die Bindung zwischen Mutter und Baby stärkt.
Bei erwachsenen Menschen konnte diese Wirkung jedoch nicht nachgewiesen werden. Es ist außerdem unwahrscheinlich, dass Casomorphine über die Darmschleimhaut in die Blutbahn gelangen und die Blut-Hirn-Schranke überwinden können.
Bei dem sogenannten Leaky Gut-Syndrome, also einer sehr durchlässigen Darmwand, könnten Casomorphine schon eher in die Blutbahn gelangen, dennoch ist es unwahrscheinlich, dass sie es bis ins Gehirn schaffen, um dort anzudocken.
Salz und Fett macht Käse so beliebt

Der Grund warum Käse als süchtig machen gilt, liegt eher in seiner Zusammensetzung aus Fett und Salz. Nehmen wir als Beispiel mal eine Tüte Chips. Einmal angefangen, lässt es sich nur schwer wieder aufhören und plötzlich ist die Tüte leer. Der Grund sind ebenfalls das Salz und Fett. Salzige und fettige Lebensmittel sind bei uns Menschen besonders beliebt.
Warum ist das so?
Salz über nimmt wichtige Funktionen in unserem Organismus. Es reguliert unseren Blutdruck, es unterstützt die Entstehung und Weiterleitung von Nervenimpulsen und hilft bei der Kontrolle des Wasserhaushaltes. Es ist also Lebensnotwendig für uns.
Unser Organismus enthält ungefähr 300 Gramm Salz und benötigt 1 – 3 Gramm täglich um Salzverluste durch Schwitzen und Ausscheidungen auszugleichen.
Vermutungen von Physiologen gehen darauf zurück, dass eine neuronale Kontrollschleife bei Verzehr von Salz ausgelöst wird und positive Empfindungen auslöst. Es wäre demnach evolutionär bedingt, dass wir salziges Essen so gut finden.
Fettige Lebensmittel sind ein Zeichen von besonders hoher Energiedichte, die vor allem unsere Vorfahren in der Steinzeit dringend benötigten, um Phasen, in denen es weniger zu Essen gab, überleben zu können. Hier spielt also unser Steinzeitgehirn wieder eine Rolle.
Warum wird Käse dann mit Heroin gleichgesetzt?

Die Los Angeles Times veröffentlichte 2015 einen Artikel mit dem Titel „Cheese really is crack. Study reveals cheese is as addictive as drugs.“ ( Käse ist wirklich Crack, Studie belegt, dass Käse so süchtig machend ist wie harte Drogen) und das GQ-Magazine veröffentlichte 2016 „Science says cheese is basically cocaine“ (Die wissenschaft sagt, dass Käse Kokain ist). In der Studie, auf die sich beide Artikel beziehen, wurden 35 Lebensmittel auf ihr Potenzial süchtig zu machen untersucht. Käse landete dort auf Platz 10.
Ashley Gearhardt von der University of Michigan in Ann Arbor, die Leiterin dieser Studie, äußerte sich später kritisch zu den Artikeln, die nicht die Komplexität des Themas begriffen hätten und vieles zu vereinfacht dargestellt hätten. Außerdem war sie entsetzt darüber, dass eine vermeintliche Sucht, als Entschuldigung für den Überkonsum von Käse herhalten muss. Denn eine Sucht oder Abhängigkeit ist niemals mit dem bloßen Appetit oder Heißhunger auf ein bestimmtes Lebensmittel zu vergleichen.
Käse macht also nicht süchtig, ist aber auch nicht gesund. Da Käse sehr viel Fett, Salz enthält und sehr kaloriendicht ist, wirkt sich das Milchprodukt negativ auf den Cholesterinspiegel aus. Außerdem steht Käse und auch andere Produkte aus tierischer Milch im Zusammenhang mit einem erhöhten Risiko für Brust-, Leber-und Prostatakrebs. Der Konsum von übermäßig viel Käse kann ebenfalls zu Diabetes mellitus Typ 2, Übergewicht und Herz-Kreislauf-Erkrankungen führen.
Fazit
Es liegt also nicht am Käse selbst, dass er so gut bei vielen Menschen ankommt. Es ist die Zusammensetzung aus Salz und Fett, der ihn für viele so unwiderstehlich macht. Aber süchtig macht er nicht. Es gibt also keine Ausrede mehr dafür, nicht auf Käse verzichten zu können.
Quellen:
https://praxistipps.focus.de/kaese-macht-suechtig-das-steckt-dahinter_141763
https://efsa.onlinelibrary.wiley.com/doi/epdf/10.2903/j.efsa.2009.231r
https://www.chemie.de/lexikon/Casomorphin.html
https://www.swr.de/wissen/1000-antworten/stimmt-es-dass-milch-morphium-enthaelt-100.html
https://www.wissenschaft.de/erde-umwelt/warum-moegen-wir-salz/
https://www.sciencenews.org/blog/scicurious/no-cheese-not-just-crack
https://www.gq.com/story/cheese-addictive-drugs-report
https://www.latimes.com/food/dailydish/la-dd-cheese-addictive-drugs-20151022-story.html
https://www.jandonline.org/article/S2212-2672(16)31192-3/abstract
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/31633743/
https://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/ijc.28812
https://academic.oup.com/ije/article/49/5/1526/5743492?login=false

